Grabrede an einen Birnbaum

 

Diesmal haben wir für Sie eine feine Erzählung von Irene Schlögl, die Sie bestimmt! zum Nachdenken anregen wird…. Nehmen Sie sich die Zeit, es zahlt sich aus.

 

Grabrede an einen Birnbaum

Es ist nicht mein Birnbaum. Es ist ein Birnbaum an der Landstraße. Er weist mir den Weg, immer wenn es dunkel oder nebelig ist: 50 Meter vor ihm – nach links abbiegen –  in mein Zuhause. Und auch dort begrüßt er mich täglich: beim morgendlichen Blick aus dem Küchenfenster. Der knorrige Baum war bereits in die Jahre gekommen, als ich ihn kennenlernte. Aber immer noch aufrecht, fast ein wenig erhaben. Den Jahreszeiten getrotzt, standgehalten.

Aufgefallen ist er mir in etwa vor einem Jahr. Er hat es auch im letzten Herbst noch geschafft, Früchte zu tragen. Aber niemand hatte Lust, hochzuklettern um sie zu ernten. Lediglich die matschigen, von Autorädern überfahrenen Birnen auf der Landstraße habe ich bemerkt, wenn ich mit meinem Hund daran vorbeigegangen bin.

Irgendwann gehörte dieser Birnbaum zu meinem Leben. Da ich gerne fotografiere, habe ich es auch getan: im Herbst, im Spätherbst, im Winter – habe ich diesen Baum fotografiert. Frühling und Sommer fehlen mir noch. Ich nenne diese Fotoserie „Jahreszeitenbaum“.

Eines Tages, beim morgendlichen Blick aus dem Küchenfenster – sah der Stamm des Baumes sehr mitgenommen aus… wie angenagt. Blankes Holz war im unteren Teil des Stammes zu sehen. Aber Biber in dieser Gegend? Ohne Gewässer? Nein: es waren Menschen, die den Baum „angenagt“ hatten: so werden hier Bäume markiert, die gefällt werden sollen.

Ich musste weg, zu einem Termin. 3 Stunden spät